Raneb – ein kleines Wunder – ein zweites Leben (2)

Der Darm wurde provisorisch unter die Aussenhaut geschoben und diese dann notdürftig zusammengenäht. Eine heikle Situation war das erneute Aufwachen und Aufstehen, ohne dass die Naht gleich wieder riss. Raneb erwachte und kämpfte, um aufzustehen. Ich konnte nicht mehr hinsehen. Nach 20 Minuten stand er auf den Beinen, nach weiteren 30 Minuten im Hänger. Und nun begann die fast endlos erscheinende Fahrt nach Bern ins Tierspital, bei jeder Erschütterung das Bild vor Augen, dass die Naht platzt, was das Ende bedeutet hätte. Ein Ärzteteam mit Veterinär Dr. Gerber war inzwischen avisiert und bereitete sich auf die Operation vor.
 
Bild link: Radiace, Ranebs Mutter.

Radiace ist selber eine leistungsgeprüfte, harte Stute in trockenem Typ. Von ihren bisherigen sieben Fohlen waren sechs davon Sieger auf der Bahn.

 
Abends gegen halb sieben erreichte der Transport das Tierspital. Beim Ausladen sah Raneb ein anderes Pferd im Hof und war augenblicklich hellwach. Sein Hengstschrei hallte über den Platz. Und zum dritten Mal innerhalb 12 Stunden trat er den Weg in den Operationssaal an. Es folgte ein äusserst schwieriger Eingriff. Die Bauchhöhle wurde geöffnet und der Darm von dort durch die Leistenöffnung wieder in den Körper geführt. Ein Stück des Darms von ca. anderthalb Meter Länge war bereits zu stark beschädigt und musste rausgeschnitten werden. Meine Frau Fränzi verliess um Mitternacht das Tierspital. Die über fünf Stunden dauernde Operation war beendet. Raneb lag noch auf dem Tisch. Morgens um drei Uhr erreichte uns der Anruf von Dr. Gerber, der uns mitteilte, dass Raneb wieder stehe.
 
Bild links: Rainbows for Live von Lyphard, der Vater von Raneb.

Raneb ist phänotypisch stark von seinem Vater geprägt. Rainbows for Live selber ist ein kanadischer Hengst, der insgesamt 34 Rennen bestritt, wovon er 15 Mal siegreich war. Seine Gewinnsumme beträgt USD 1'106'000.- mit Siegen auf Gruppe 1, 2, und 3 Ebene.
In der Zucht hat sich Rainbows for Live als mehrfacher Champion Vererber bewiesen.
 
Es folgte eine kritische Zeit mit einem vierzehntägigen Aufenthalt im Tierspital, während der Raneb noch einige Male um sein Leben kämpfen musste. Aber er lebte. Der Direktor des Nationalgestüts, Dr. Poncet, konnte sich mit seiner langjährigen Erfahrung an keinen Fall eines Darmdurchbruchs erinnern, der von einem Pferd überlebt wurde. Endlich, am 30. Mai konnten wir ihn nach Hause holen. Auf wackeligen Beinen kam er die Laderampe herunter und betrat im Rennstall mit einem leisen Wiehern seine alte Boxe. Sein Anblick war traurig anzusehen. Noch zwei Wochen zuvor verliess er den Stall mit voller Energie, einer ausgereiften Muskulatur und seinem seidenglänzenden Fuchsfell als Spitzenathlet. Zurück kam ein Häufchen Elend. Um 150 Kilo leichter stand er da, ein Stück Haut und Knochen. Aber sein Auge leuchtete schwach und verriet seinen unbändigen Lebenswillen. Während den nächsten 2 Monaten wurde er rund um die Uhr alle zwei Stunden mit frischem Gras gefüttert. Stroh, Heu und Kraftfutter vertrug er nicht. Sein „Renntraining“ bestand am Anfang darin, ihn an der Hand zwei bis drei Minuten pro Tag um den Stall zu führen. Seinen Kopf brachte er dabei nicht höher als 20 Zentimeter über den Boden. Raneb kämpfte. Tag für Tag machte er kleine Fortschritte. Es war das längste Rennen seines Lebens.
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