Kairo Report 2002 - Teil I

Schaut man in die Geschichte Ägyptens zwischen dem Ende des 18. Jahrhunderts bis Mitte des 19. Jahrhunderts,  waren es in Ägypten vor allem Könige wie Mohammed Ali oder einflussreiche Mitglieder der Königsfamilie wie Ibrahim Pasha und Abbas Pasha, die den Grundstein für die Zucht der ägyptischen Vollblutaraber legten. Dank ihrer Macht, ihrem Reichtum und dank ihrer Verehrung des arabischen Pferdes gelang es ihnen, die besten, schönsten und angesehensten arabischen Pferde der damaligen Zeit aus der arabischen Halbinsel nach Ägypten zu holen. Zu den Wertvollsten gehörten die Pferde der Beduinen und Stammesfürsten aus dem Gebiet des Nejd im heutigen Saudiarabien. Diese Nejd-Pferde waren das Produkt generationenlanger, natürlicher Zuchtselektion unter geographisch isolierten, härtesten klimatischen Bedingungen in der arabischen Wüste. Zusätzlich zu den harten Lebensbedingungen waren diese Pferde auch immer wieder den Strapazen der damaligen Kriegs- und Raubzüge der Beduinen ausgesetzt.

Abbas Pasha (1813 – 1854) alleine hielt auf dem Höhepunkt seines Wirkens über 1000 arabische Pferde auf seinem Gestüt, die er teilweise von seinen Vorgängern Mohammed Ali oder Ibrahim Pasha übernahm, zu einem grossen Teil aber auch direkt aus dem Nejd holen liess. Es war mit Sicherheit die Blütezeit der ägyptischen Vollblutaraberzucht und die damaligen arabischen Pferde waren vielleicht die besten, die jemals in Ägypten standen. Gleichzeitig begann aber für das arabische Pferd in Ägypten und für seine Züchter eine schwierige Zeit, die bis zum heutigen Tag ihre Auswirkungen zeitigt.

 

 

links: Gemälde von De Portes mit Abbas Pasha und seinem Gefolge. Es wird berichtet, dass er 1854 von zwei seiner Untertanen ermordet wurde. Er war bekannt als äusserst brutal gegenüber seinen Untergebenen.

 

Einmal in Ägypten angekommen, dienten diese ursprünglichen Gebrauchs- und Kriegspferde der Beduinen nun den Pashas in erster Linie als Statussymbol für Schönheit, Reichtum und Macht. Für die Weiterzucht fehlte ihnen auf einmal die natürliche Selektion der Wüste. Ansatzweise Versuche systematisierter Leistungsprüfungen (z.B. auf der Rennbahn) konnten die Selektion der langen und mühsamen Kriegszüge durch die Wüste nicht kompensieren.

 

In den Gestüten der Pashas waren die Haltungs- und Ernährungsbedingungen oft schlecht. Die Stuten standen über Jahre, gefesselt an vier Beinen, in den Sandpaddocks, und die Hengste waren in den Stallungen Tag und Nacht gegen eine Wand gebunden. Die Bewegungsfreiheit der Fohlen und Jährlinge war auf den kleinen Sandkoppeln, sofern überhaupt welche vorhanden waren, begrenzt. Trotz Beizug von europäischen Gestütsleitern und Beratern mangelte es vielfach an Wissen und Erfahrung und nicht selten fehlte es an der Kraft, Neues bezüglich Haltung und Fütterung anzunehmen und umzusetzen. Den Pashas der damaligen Zeit blieb nichts anderes, als ihre Pferde nach bestem Wissen und Gewissen unter Beachtung der Abstammungen, Linienzugehörigkeit und äusseren Merkmalen weiterzuzüchten, um so die Qualität möglichst lange zu erhalten.

 

Bereits 1897 erwähnt die Engländerin Lady Anne Blunt, Gründerin von Crabbet Stud und eine der fundiertesten Kennerinnen des arabischen Pferdes ihrer Zeit, in ihren Notizen die teilweise Fragilität und Substanzlosigkeit der Pferde von Ali Pasha Sherif. Diese Mängel auf den hohen Inzuchtgrad und auf mangelnde Bewegung im Freien zurückführend, schrieb sie: „The broodmares were still beautiful and with the marks of their high breeding, though from long inbreeding and lack of vigorous conditions of outdoor life somewhat fragile and insubstantial“.

rechts: Wilfrid und Lady Anne Blunt zusammen auf einer ihrer langen Reisen durch die Wüste. Sie waren Gründer des Crabbet Gestütes in England wie auch des Gestütes Sheykh Obeyd in Kairo.

 

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