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Seither sind nun über 100 Jahre vergangen und es erstaunt, wie viele der heutigen Züchter ägyptischer Vollblutaraber in Europa und Amerika noch immer die gleichen züchterischen Fehler begehen, ja diese alte Erkenntnis geradezu bewusst zu ignorieren scheinen. Es ist sogar festzustellen, dass teilweise die heutigen ägyptischen Vollblutaraber noch einen deutlich höheren Inzuchtgrad aufweisen als die Pferde der damaligen Pashas.
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rechts:
Sohba, ägyptische Stute, 1891 von Lady Anne Blunt in Ägypten erworben,
repräsentiert den damaligen arabischen Typ der "Abbas Pasha-Pferde".
Die Stute verfügt über ein grosses, gut angesetztes Auge, eine ausgeprägte Ganasche, einen eher langen Kopf und nicht allzu feiner Nasenpartie. Weitere Ausprägungen sind ihr langer, hoch angesetzter Hals, ein ausgeprägter Widerrist und langer Oberarm. Die Rückenpartie ist etwas lang und die Kruppe kräftig, lang und leicht abfallend. Das Fundament ist korrekt mit einem tief angesetzten Sprunggelenk. Alles in allem eine exzellente Stute im Reitpferde Typ. Wo sind sie heute geblieben, diese arabischen Pferde? Auf Schauen sieht man sie nicht mehr, und wenn sie dort auftreten würden, wären sie nicht in den ersten Reihen zu finden. |
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Aber wie überall gibt es neben einer schlechten auch immer eine gute Seite. Vielleicht gerade dank dieser, über Generationen betriebenen, ausgeprägten Linien- und Inzucht, konnte sich genetisch ein arabischer Typ festigen, der uns nach wie vor fasziniert und oft als ätherisch bezeichnet werden kann. Bei Anpaarungen ägyptischer Vollblutaraber mit Vertretern anderer Zuchtrichtungen manifestiert sich die Durchschlagskraft dieses Typs.
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links:
Mesaoud , 1889 von Lady Ann Blunt in Ägypten erworben, ist bis in die heutige
Zeit einer der einflussreichsten ägyptischen Hengste.
Dieser Hengst ist gekennzeichnet durch seinen kurzen, kräftigen Körper, tiefer Brust und starker Lende. Er verfügt über eine markante Halsung mit exzellenter Widerrist-, Schulter- und Oberarmpartie. Sein Kopf ist markant mit geradem Nasenprofil und etwas kleinem, relativ hoch angesetztem Auge. Obschon dieser Hengst züchterisch ca. 100 Jahre näher am ursprünglichen arabischen Pferd liegt, entspricht er nicht mehr den Typvorstellungen heutiger "Schauzüchter". Manch einer unter ihnen oder auch eingefleischte Ägypter-Züchter würden ihn schnell einmal abschätzig als "französischen Rennaraber" deklassieren und sich nicht ein zweites Mal nach ihm wenden! |
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Ebenfalls als positiv zu vermerken ist, dass man heute durchaus, wenn auch noch vereinzelt, reinägyptische Züchter findet, die mit züchterischer Weitsicht versuchen, den genetischen Spielraum innerhalb der reinägyptischen Zucht zu erweitern und durch geschickten Austausch von Hengsten über Kontinente hinweg die Blutführung auffrischen. In Ägypten selbst fällt beispielsweise sicher Dr. Nasr Marei mit seinem Gestüt Albadia unter die Kategorie derjenigen, die die traditionellen Werte des ägyptischen Vollblutarabers mit zukunftsgerichteten, züchterischen Visionen zu verbinden verstehen und so die Evolution des ägyptischen Vollblutarabers fördern (dazu mehr in Teil II).
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rechts:
Shahwan ist ein ägyptischer Hengst im unverkennlichen "Abbas Pasha" Typ stehend,
wurde 1892 von Lady Ann Blunt nach England importiert.
Shahwan ist ein kräftiger, quadratischer und harmonischer Hengst mit einem etwas grossen, schweren Kopf und einem eher hoch angesetzten Auge. Auffallend ist sein starkes Fundament. Vorne ist der Unterarm lang, breit und gut bemuskelt. Die Röhre ist sehr kurz, breit und parallel geführt. Hinten sind die Sprunggelenke tief angesetzt, breit und flach ausgeprägt, wodurch sie eine optimale Einschienung des Röhrbeins erlauben. Auch dieser Hengst würde in diesen Tagen, trotz seiner reinägyptischen Abstammung und seinem ursprünglichen, arabischen Typ keine Schau mehr gewinnen. Andererseits muss heute unter reinägyptisch gezogenen Pferden weit gesucht werden, um ein solches Fundament zu finden.
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