Kairo Report 2002 - Teil I

Am Ende des 19. Jahrhunderts endete die Ära der von Weltruhm geprägten Gestüte der ägyptischen Herrscher und Pashas mit dem Niedergang eines der letzten grossen Gestüte, demjenigen von Ali Pasha Sherif. Es waren entweder Tod oder wirtschaftliche Gründe, die zur Auflösung führten. Viele der Pferde wurden versteigert und fanden in Europa und Amerika neue Besitzer. Ein grosser Teil der Pferde blieb aber in Ägypten selbst. Viele davon wurden von Mitgliedern der Königsfamilie oder von Vertretern der ägyptischen Oberschicht aufgekauft. Durch diese geographische Zerstreuung auf einzelne kleine Züchter war die ägyptische Zucht erneut gefährdet. Der ägyptische Staat erkannte diese Gefahr, brauchte aber gleichzeitig auch vermehrt Pferde für die Armee und Polizei.

 

 

links: Ali Pasha Sherif war einer der letzten grossen Bewahrer der arabischen Pferde in Ägypten und brachte die ägyptischen Pferde zu unvergleichlichem Ruhm.

 

Dies war der Anfang der „Royal Agricultural Society“, die 1908 unter dem Patronat des Königs Fouad gegründet wurde und Vorläufer der heutigen „Egyptian Agricultural Organization“ mit dem Gestüt El Zahraa war. Mitglieder der königlichen Familie übergaben der Gesellschaft eine auserwählte Anzahl Stuten und Hengste zur Gründung. 1918 erweiterte die Gesellschaft mit dem Import einer Reihe von Crabbet Pferden von Lady Wentworth den Bestand.

 

oben: Stutenherde in El Zahraa
 

Unter Gestütsleitern wie General Tibor von Pettko Szandtner aus Babolna und Dr. Mohamed El Marsafi erlangte die ägyptische Zucht in El Zahraa zwischen 1950 und 1970 eine neue Blütezeit. Diese Gestütsleiter verstanden es, den vorhandenen Pferdebestand unter Anwendung der modernen Zuchttheorie systematisch, selektiv und planmässig zu bearbeiten. Durch geschickte Linienzucht gelang es, den traditionellen arabischen Typ und die authentische Erscheinung des ägyptischen Vollblutarabers zu erhalten, gleichzeitig aber Substanz und Korrektheit zu verbessern. Mit den ersten Exporten aus El Zahraa nach Amerika 1959 durch Judith Forbis und zwischen 1961 und 1965 durch Douglas Marshall begann die westliche Welt aufzuhorchen und es setzte ein weltweiter Siegeszug des ägyptischen Vollblutarabers ein. Damit entstand auch ein verhängnisvoller Exodus von guten Pferden aus El Zahraa und löste eine tragische Wende in der Zucht von El Zahraa aus. Um El Zahraa auf diesem Niveau zu erhalten, hätten Verkäufen von Pferden nach Amerika und Europa in dieser Qualität und Quantität niemals stattgegeben werden dürfen. Vielleicht war es Unwissenheit, Verantwortungslosigkeit, die Macht des Geldes oder alles zusammen, das zu einer solchen Entwicklung führte.

 

Die Folgen sind bis heute sichtbar. Als ich mir die Gestütspräsentation der Stuten und Hengste aus El Zahraa anlässlich der diesjährigen Schau anschaute, vermisste ich den ganz grossen Glanz und die so sprichwörtlich königliche Erscheinung dieser Pferde. Der Bestand zählt immer noch 400 Pferde mit Vertretern aus den wichtigsten ägyptischen Stutenlinien. Viele der Pferde lassen zwar noch ihre ursprüngliche Noblesse durchschimmern, doch ich suchte vergebens das Überragende, bestehend aus arabischer Ausstrahlung, Harmonie, Substanz, Korrektheit, Elastizität und Aufrichtung in einem.
Bild oben: Eine Stute von El Zahraa während der Gestütspräsentation

 

weiter zur nächsten Seite